Einleitung

 

Wer waren die Kelten?

Sind sie ein Volk, eine Rasse, ein Staat, eine kulturelle und religiöse Gemeinschaft? Sprechen sie eine Sprache und besitzen sie eine Schrift?

Manche Archäologen betonen, man dürfe von "Kelten" nicht vor 600 v. Chr. sprechen, weil man erst von dieser Zeit an kulturelle Zentren nachweisen kann. Damit ist die Latène-Zeit gemeint, die nach einem ersten Fundort der frühen keltischen Kultur am Neuchâtel-See in der französischen Schweiz ihren Namen hat.

Andere Forscher möchten zumindest eine vorkeltische Zeit nicht ausschließen, in der das Eisen schon in Gebrauch war. Die Eisenzeit beginnt um 800 v. Chr. und wird für das keltische Kulturgebiet nach Funden auf einem vorgeschichtlichen Friedhof im Salzburger Land in Österreich Hallstatt-Zeit genannt.

Noch früher lässt John Sharkey, ein vorzüglicher Kenner der keltischen Kultur, die Kelten auftreten: zwischen 1000 und 500 v. Chr., und zwar von den rheinischen Gebieten Mitteleuropas ausgehend als "eine deutlich ausgeprägte Gruppe von Sippen und Stämmen. Ihre Sprache, Religion, Gesellschaftsstruktur und Sitten unterscheiden sich von denen im mediterranen Süden, oder von solchen weiter östlich der Donau. Im großen und ganzen scheint es viele Gemeinsamkeiten zwischen den Kelten und indoeuropäischen Kriegergruppen zu geben, die ungefähr ein Jahrtausend zuvor die Zivilisation des Industales übrerrannt hatten."

Damit sind die Kelten als Indo-Europäer beschrieben, deren Wurzeln etwa noch einmal 1000 Jahre früher anzusetzen wären, also um 2000 v. Chr., in der Übergangsphase zwischen Kupfer- und Bronzezeit.

Aber damit nicht genug. Wenn wir uns nach Irland, Schottland, Wales und zur Bretagne wenden, wo heute noch Reste der alten keltischen Kultur zu finden sind, begegnen wir auf Schritt und Tritt den Zeugnissen der jungsteinzeitlichen Kultur, die in der Zeit zwischen 4000 und 2500 v. Chr. anzusetzen ist. Zwar haben die Menhire, Dolmen, Ganggräber und Steinkreise der Megalith-Kultur keinen keltischen Ursprung, doch wurden diese alten Kultplätze und ihre Überlieferungen von den Kelten angetroffen und sie verbanden sich in oft schwer erkennbarer, manchmal auch deutlich faßbarer Weise mit ihrer eigenen Kultur.

Das vermutliche Kernland der Kelten um 600 v. Chr. lag am oberen und mittleren Rhein und am Oberlauf der Donau. Von dort zog es sich nördlich bis ins südliche Böhmen hinein. Das ist das Gebiert der eigentlichen Latène-Kultur.

Als um 600 v. Chr. Marseille (Massilia) gegründet wurde, entdeckten griechische Kaufleute die Kelten als Handelspartner, die auf dem Schiffsweg die Rhône aufwärts über den Genfer See und über die Schweizer Seenplatte (Neuchâtel) erreichbar waren. Dies berichten Hekataios von Milet und vor allem Apollonios von Rhodos. Aus diesen Berichten läßt sich als "Land der Keltoi" ein Gebiet nordwestlich des Alpenbogens mit Ostfrankreich, Südwestdeutschland und der nordalpinen Schweiz umgrenzen.

Um 500 v. Chr. setzte der Handel mit den Etruskern ein, der die Differenzierung der Latène-Kunst wesentlich beeinflusste, und um das Jahr 450 kam eine große keltische Wanderbewegung in Gang. Vermutlich lag die Ursache dafür in Zwistigkeiten der Fürsten untereinander, außerdem bestand eine Überbevölkerung des Kerngebietes, wie wir von Livius wissen. Große Scharen drangen in südlicher Richtung über die Alpen vor und besiegten am 18. Juli 387 das römische Heer an der Allia. Rom wurde zerstört und fast ein Jahr von den Galliern beherrscht. Weitere Ströme ergossen sich zwischen 400 und 100 v. Chr. in westlicher Richtung; zwischen 400 und 350 v. Chr. wurde der gesamte französische Raum bis nach Belgien besiedelt. Von dort aus erreichte man auf dem Seeweg Britannien und Irland. Sicher um diese Zeit, vielleicht aber schon 600 v. Chr., drangen keltische Stämme in die westliche Hälfte Spaniens vor.

Andere Gruppen wanderten, der Donau folgend, bis zum Schwarzen Meer und nach Kleinasien, wo sie das Königreich Galatien gründeten. 279 drang ein Trupp unter Brennus bis nach Delphi vor, wurde aber durch ein Erdbeben und Erdrutsche verschreckt und zog sich bald wieder zurück.

230 wurden die Galater bei Pergamon besiegt; an diesen Kampf erinnern die bildlichen Darstellungen des Pergamon-Altares, der jetzt in Berlin ausgestellt ist.

Es gab noch viele Bewegungen zwischen dem europäischen Festland und dem britisch-irischen Inselgebiet, die sich vor allem unter dem Druck vordringender germanischer Stämme ereignete, so etwa schiffte sich um 160 v. Chr. ein Stamm von Belgien aus nach Britannien ein. Doch als im 4. Jahrhundert n. Chr. die Angeln und Sachsen die Insel eroberten, flohen keltische Stämme zurück in die Armorica, die heutige Bretagne.

Alle diese Wanderbewegungen sind mehr oder weniger exakt belegbar, doch wenn wir nach der Herkunft der Kelten fragen, tappen wir noch weitgehend im Dunkeln. Nach Jan de Vries entwickelte sich das Keltentum inmitten einer großen Vielzahl prähistorischer Kulturen. Das einzig Gemeinsame sei die Sprache, die noch aus Orts- und Flurnamen erschließbar ist und die im wesentlichen auf indogermanische Elemente hinweist.

Bisher sind aber keine genauen Angaben über die Herkunft der Kelten möglich.

Quelle: Keltische Mythen von Ingeborg Clarus