Ginnungagab 

(Weltabgrund)

 

(Siehe auch "Die Entstehungsgeschichte) 

 

Ymirs Erscheinen:

Eh' der Urzeit Wasser brausten, war ein Abgrund endlos, dunkel- 

Statt der luftumwallten Erde, statt des Himmels Sterngefunkel,
Statt Gebirg und Thalestiefen, die zur Herrlichkeit erkoren
Stehn im Licht, lag Ginnungagab, wesenleer in Schlaf verloren. 

Ginnungagab, Schreckgebilde alles Seins und aller Zeiten,
Und doch sollt aus deinem Grauen Werden und Bewegung schreiten. 

Lebens-Sehnsucht rang nach Ausdruck, die zuerst aus Traum erwachte, 

Unbewußt, ein kleiner Funke, der des Weltalls Brand entfachte.

Langsam aus Erstarrung gleitend, schwebt als Nebel sie am Grunde, 

Viel zerrissen und gestaltlos irrte sie im nächt' gen Schlunde.
Fluglahm, aus dem finstern Chaos stieg sie auf mit matten Schwingen, 

Uranfang, - dem Weltenschoße Lebenswelten zu entringen.

Und der Nebel wurde dichter, sich zu kleinen Tropfen findend,

Und die Tropfen wurden Quellen, die zum Brunnen sich verbindend

Tief im Kessel rauschend strömten; und aus Hwergelmir enteilten

Eliwagars finstre Wogen, die nach Nord und Süd sich teilten.

 

Doch je weiter sie entronnen nach des Nordpols kalten Zonen,

Wo das Dunkel und das Alter schon seit Ewigkeiten thronen,

Niflheims gespalt'ne Klüfte mehr und mehr das Wasser füllte,

Drang die Flut nur langsam vorwärts, eisgefestet; sie verhüllte

Sich in Formen eigner Arten, seltsam von dem Frost gestaltet.

Und nun sausten wilde Stürme, Schnee und Ungewitter waltet,

Und es gab ein furchtbar Ringen vorweltlich erstarkter Kräfte,

Seelenlos Vereinen, Trennen künft'gen Lebens, Todessäfte.

 

Tief im Süden war es milder. Wunderbar, von lauen Lüften

War des Abgrunds Kluft umwoben, nicht von Farb'- und Blütendüften,

Nein, aus Muspels Feuerreiche sandte Surtur gold'ne Funken,

Nebel teilend, Fluten küssend; Quell'n und Ströme wurden trunken,

Schäumten auf, wo sie die Loh' streift. Brodel stieg aus Wasserkesseln,

Siedend wallten auf die Wellen, sich als Dämpfe zu entfesseln.

Plötzlich taucht aus der Vermählung ein Geschöpf, ein Urwelt-wildes,

Riese Ymir, ein Hrimthurse, in Gestalt des Menschenbildes.

 

Einsam schwankt' er durch die Räume, fast bewußtlos durch die Weite;

Pfadlos lag sie, und es huschten nirgends Schatten ihm zur Seite.

Nur das Ohr begann zu leben, horchte auf der Ströme Fluten,

Und die Augen sah'n erlöschen auf dem Eis der Funken Gluten.

Endlos öde, grause Leere. - Ymir, in den Finsternissen

Selbst ein elend Ungeheuer, aus dem Nichts in's Sein gerissen,

Hegt, begabt mit dunkler Ahnung, im Gehirn nur blödes Denken,

Hungrig tastet er nach Nahrung, nicht geführt vom Geisteslenken.

 

Taumelnd nur im wirren Halbschlaf, von Empfinden irr geleitet,

Wassertriefend, sturmgepeitschet, nicht zum Widerstand bereitet,

Selbst Verlangen noch gefesselt, Untertan der Sinnen-Meute,

Wild empört, nicht Fluches fähig, stummer Wut ergriffne Beute,

Also wankte, ungeartet, nicht zu höh'rem Sein erlesen,

Leib und Seele mißgestaltet, Ginnungagabs erstes Wesen.

Roher Urzeit Ausgestoßner, dessen Blut ein Giftstrom rötet,

Lebend leblos, weil vom Anfang schon der Geist in ihm verödet.

Unbekannt und doch verstanden, heiß bewegte Liebestöne.

Er umwarb im Sehnsuchtdrange eine junge Riesen-Schöne,

Tochter Bölthorns, der im Innern rauher Berge trotzig thronte,

Feind den machtbegabten Göttern, die sein Ingrimm nie verschonte.

 

Bestla, scheu, voll Leidenschaften, die den Riesen eingeboren,

Floh den Freier, sucht ihn wieder, hat ihn spottend doch erkoren.

Wild war erstes Liebeswerben, noch von Angst und Haß verbittert,

Freudelos, der Weihe mangelnd, im Ergeben roh durchzittert;

Aber, als das Weib errungen, wuchsen ihrer Seele Wonnen -

Denn sie ward getränkt mit Fluten aus des Werdens reichsten Bronnen,

Ja aus Quellen künft'gen Lebens, die aus Hwergelmir sich füllten,

Die der Erde und des Himmels wachsend Wesen frei enthüllten.

 

Mächtig zog's wie Schaffens Regen durch des Abgrunds finstre Räume,

Und es tanzten auf den Wassern weiße, zarte Wellenschäume,

Und es blinkten gold'ne Funken, die sich leuchtend niederließen

Auf den glitzernd wundervollen, spiegelklaren Eises-Fließen.

Und es sprüht von scharfen Kanten und von Nadel-gleichen Spitzen,

In die nachtgewohnten Schlünde wie von tausend Wurfgeer-Blitzen,

Ginnungagab strahlt im Glanze! Gähnend, klaffend, All-umschlingend

Kämpfer nun im Kampf des Werdens, unbewußt um Schönheit ringend.

 

Das Erscheinen der Nornen:

 

Langsam wallten durch den Nebel, unhörbar und leichten Ganges,

Hohe Frauen, schlank an Gliedern. Weich umhüllt ihr Haar, ihr langes

Die Gestalten. Ihre Hände hielten sich im festen Bunde.

Angehaucht vom Schöpfungs-Atem, hatten sie von Allem Kunde

Was vergangen, gegenwärtig und in Zukunft wird geschehen.

Niflheims erhellter Dunstkreis ließ die Dreizahl klar ersehen,

Daß aus rohen Schreckgewalten in dem Weihe-Augenblicke

Los sich lösten neue Mächte, - Eines Götterreichs Geschicke. -

 

Weiter schwebten sie, nicht sprechend, traten leis an Bostlos Lager,

Ihre Hände schützend breitend. - Urd, Werdandi, ernste Frager.

Skuld, die Blicke vorwärts richtend, lächelt heiter, bald verdeckte

Sie das Antlitz und erbebte. Wenn die Zeit, die sie erschreckte,

Einst herannaht wucht'gen Schrittes, zog ein Schicksal voll Verderben

Über Alles was geschaffen. Und des Unheils finstres Werben

Trug die Schuld in's Götterleben. - Zur Unsterblichkeit geboren,

Ging durch Schuld den hohen Göttern die Unsterblichkeit verloren.

 

Skuld, in ahnungsvollen Schauern ließ vom Haupthaar sich umbreiten,

Niemals durfte sonnig Lächeln über's bleiche Antlitz gleiten.

Immer schritt vor ihrer Seele was die Zukunft reifen sollte.

Ihren Lauf konnt' sie nicht hemmen, ob ihr Geist auch finster grollte.

Orlogschluß (Ragnarök) war unabwendbar, und die Seherin erkannte

Daß, was glücklich ward begonnen, doch zuletzt sich traurig wandte.

Urd, Werdandi traf so drohend nicht des Schicksals ernstes Walten.

Furchtbar ist's, fürwahr, zu schauen künft'ger Zeiten Nachtgestalten!

 

Erscheinen der ersten Asen:

 

Überall, im weiten Luftkreis, tönte laut und lauter Rauschen,

Immer lichter ward's im Innern, und die ernsten Nornen lauschen

Wie ein Ruf, ein nie gehörter, in des Abgrunds Tiefen sauste,

Ein Gewirr von Lust und Jammer durch des Weltalls Leere brauste.

Lebenskraft war frei geworden; nicht an Tierheit mehr gebunden,

Hat in herrlichen Gestalten höchste Bildnerkraft gefunden.

Allmachtwissen schwang in's Dunkel seine lichtumfloss'nen Fahnen;

Odin, Wili, Wo, die Hehren, traten in die Götter-Bahnen.